Neurodermitis
Dr. Bernd Frederich
Einer meiner Söhne hatte von seinem 6. bis 12. Lebensjahr eine
klassische, massive Neurodermitis.
Und erst als ich 1980, als er 12 Jahre alt war, mich ihm gegenüber
im Erziehungsverhalten deutlich geändert hatte, bildete
sich innerhalb von einem halben Jahr seine Neurodermitis
bis heute anhaltend (!) zurück.
Nach meiner Beobachtung wirkt in Neurodermitikern eine ungeheuere
Angst, vor dem Satz: "du musst !!!"
Jedes Mal wenn ein "du musst" auf sie zukommt, wird sofort Juckreiz
ausgelöst, ja ein Neurodermitiker muss es nur denken, "du musst",
schon kann er sich wieder kratzen, bis hin sogar "das Fell sich
vom Leibe ziehen bis das Blut spritzt". (Angstbesetzte Worte, Sätze,
können uns Menschen genauso krank machen wie Bakterien, Viren, oder
zuviel Sonnenstrahlen).
Woher kommt nun diese Allergie, Überempfindlichkeit auf den Satz
"du musst"
Nach meiner Beobachtung sind die Mütter von Neurodermitiker-Kindern
sehr unsicher, bzw. inkonsequent, und dadurch bewirken sie für ihr
Kind zu wenig Geborgenheit, Sicherheit. Nur wenn die Eltern liebevoll,
aber eindeutig und wenn es auch mal sein muss energisch vorgeben,
welche Spielregeln denn in ihrer Familie gelten, entsteht so für
das Kind Sicherheit, Geborgenheit und Orientierung: Es kann sich
fallen lassen, entspannen, ausruhen, Kraft schöpfen.
Viele Eltern nun, in unserer Gesellschaft, sind sich in ihrem Erziehungsverhalten
unsicher und inkonsequent: Es entsteht hiermit für das Kind keine
Geborgenheit / Sicherheit, vielmehr muss es nun selber Verantwortung,
seine eigene Steuerung übernehmen, da ja von außen Richtlinien nicht
sicher genug vorgegeben werden, bzw. fehlen.
Dieses Verantwortung übernehmen heißt, Anspannung in sich aufbauen,
wachsam sein müssen, nicht abschalten können. Daher kommt es auch,
dass Neurodermitiker viel zu viel grübeln (chronisch, bzw. anhaltend
nachdenken) was wiederum in unserem Gehirn eine anhaltende Anspannung
bewirkt, die ein Neurodermitiker dann in Juckattacken umsetzt.
Mit anderen Worten, ein Neurodermitis Patienten muss dann also von
frühester Kindheit an immer wieder viel zu viel "müssen" (viel zu
viel Verantwortung tragen), was auch Christiane Rauch in ihrer psychologischen
Diplomarbeit 1999, Darmstadt, eindeutig herausarbeiten und auch
ich beobachten konnte.
Somit ist es für mich logisch, dass ein Neurodermitis-Patient
tendenziell nach dem Motto arbeitet: "..ich tue viel für andere
(ich muss ja Verantwortung tragen), aber man sollte es nicht von
mir haben wollen (im Prinzip mag ich überhaupt nicht mehr müssen!)"
Und dies wird dann in einem Verhalten, welches ich als reflexartigen
Widerspruch (stets dagegen), auffällt.
Als therapeutische Empfehlung gilt für einen Neurodermitis
Patienten daher, wenn eine Aufforderung oder sogar ein "Muss" auf
ihn zukommt, sich nun nicht gleich reflexartig dagegen einzustellen,
sondern sich dieses "du musst" genauer anzusehen, und in aller Ruhe
zu überlegen
- ob dieser Wunsch des anderen wirklich Sinn macht und im sinne
der Kooperation es gut wäre, auf das Verlangen des Gegenübereinzugehen
- ob dieses "du musst" zwar unsinnig ist, aber aus einem übergeordneten
Grund es doch sinnvoll ist, mitzumachen (z.B. die viel zu hohen
Steuern in unserem Lande dennoch klaglos zu begleichen)
- oder aber ob der Wunsch des anderen tatsächlich ein Unfug ist
und er mit gutem Recht in überlegter Weise Nein sagen darf, bzw.
kann.
Es geht also darum, nicht mehr reflexartig gegen alles Nein zu
sagen, und damit "du musst" abzublocken, bzw. den Juckreiz
zu umgehen, sondern in eigener Souveränität zu überlegen und zu
entscheiden ob dieses "du musst" doch Sinn macht oder tatsächlich
ein abzulehnende ist.
Als Weiteres gilt dann noch für einen Neurodermitis-Patienten,
dass er ab heute Fehler machen darf, Andere enttäuschen darf, auch
einmal schuldig sein darf. Denn diese Angst ist eine unglaubliche
Motivationsbremse, und hindert ein erfolgreiches Leben führen zu
können.
Zusammengefasst ist einem Neurodermitis Patienten Mut zu machen
für etwas zu sein, und nicht immer reflexartig dagegen.
Dr. Bernd Frederich
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